Stossphysik

Was ist ein Zusammenstoss ? Wir behandeln das Problem in elementarer Weise. 
Dies wird uns erlauben, die beiden vom Programm angebotenen Stossalgorith-  
men zu verstehen und zu wissen, was es bedeutet, den einen oder anderen zu  
wählen.                                                                     
Symbolik: Wir sollten bei den meisten Formeln Vektor-Notation verwenden. Da 
es dafür aber keine ASCII-Symbole gibt, werden wir jeweils anmerken, dass   
wir es mit Vektoren zu tun haben und die Komponenten zu deren Definition    
angeben.                                                                    
                                                                            

Herleitung des Stoss-Algorithmus

Die am Stoss beteiligten Teilchen werden mit 1,2 numeriert. Sie haben die   
gleiche, invariante Punktmasse, also m1 = m2 = m, und den gleichen Hartku-  
geldurchmesser d (wie kann eine Punktmasse einen Durchmesser haben ? s.u.). 
Im 'Laborkoordinatensystem' ruht das Gasgefäss. Wir wählen seine recht-     
eckige Form für die Koordinaten x,y der Teilchen. Dann seien die            
                                                                            
Ortsvektoren:                                                               
                                                                            
          r1 mit den Komponenten (x1,y1),    und                            
          r2 mit den Komponenten (x2,y2),    sowie die                      
                                                                            
Geschwindigkeitsvektoren:                                                   
                                                                            
          v1 mit den Komponenten (vx1,vy1),  und                            
          v2 mit den Komponenten (vx2,vy2).                                 
                                                                            
Diese Zahlen, gespeichert in den Komponentenfeldern, verwenden wir in der   
Simulation zur Beschreibung des Geschehens. Für jeden Zeitschritt Dt (impli-
zit im Wechsel der Momentbilder) wird der Ortsvektor mit dem in Dt durch-   
laufenen Wegstück v·Dt vergrössert:                                         
                                                                            
          ri(t+Dt) = ri(t) + vi·Dt    für das i-te Teilchen.        (W)     
                                                                            
Im Computer machen wir die Addition natürlich komponentenweise: Für Parti-  
kel #1 spaltet (W) in die beiden Komponentengleichungen auf:                
           x1(t+Dt) = x1(t) + vx1·Dt                                        
           y1(t+Dt) = y1(t) + vy1·Dt                                        
und analog für Partikel #2.                                                 
Zu jedem Zeitpunkt können wir den Schwerpunkt S des Zweiteilchensystems     
definieren: Sei R der Ortsvektor des Schwerpunkts. Dann gilt nach dem       
Hebelgesetz, dass die beiden Drehmomente m1·(R-r1) und m2·(R-r2) bezüg-     
lich des Schwerpunkts einander entgegengesetzt gleich sind (Definition des  
Schwerpunkts!):                                                             
                                                                            
    d.h.  m1·(R-r1) + m2·(R-r2) = 0  oder                                   
                                                m1·r1 + m2·r2               
          m1·r1 + m2·r2 = (m1+m2)·R  also   R = ------------- ;     (1)     
                                                   m1 + m2                  
                                                                            
    mit   m1 = m2 = m   ist somit   r1 + r2 = 2R   und  R = (r1+r2)/2,      
                                                                            
bei gleichen Massen liegt S in der Mitte auf der Verbindungsgeraden         
der Teilchen, was wir ja schon wussten!                                     
                                                                            
Wie bewegt sich der Schwerpunkt? Dazu können wir die Ableitung von (1)      
nach der Zeit bilden (oder, wenn diese Operation nicht zur Verfügung        
steht, auch direkt einsehen, wie sich das Wegelement von S zu den Weg-      
elementen der beiden Teilchen verhält, indem wir (W) in (1) einsetzen) (wir 
verwenden für den Schwerpunkt grossgeschriebene Symbole):                   

                                                                            
              m1·v1 + m2·v2                                                 
          V = -------------   Schwerpunktsgeschwindigkeit.          (2)     
                 m1 + m2                                                    
    mit   m1 = m2 = m   ist somit   v1 + v2 = 2V   und  V = (v1+v2)/2,      
                                                                            
bei gleichen Massen ist die Schwerpunktsgeschwindigkeit gleich dem Mit-     
telwert der Geschwindigkeiten der Stosspartner.                             
Gleichung (2) kann auch als Impulsgleichung geschrieben werden:             
                                                                            
                vor dem Stoss                                               
          m1·v1 + m2·v2 = (m1 + m2)·V                               (3)     
                          (m1 + m2)·V = m1·w1 + m2·w2                       
                                  nach dem Stoss                            
                                                                            
d.h. die Summe der Impulse der Teilchen ist gleich dem Impuls, den          
die Bewegung des Schwerpunkts besitzt, wenn in ihm die beiden Teilchenmas-  
sen vereinigt wären.                                                        
Da beim Stoss der Impuls erhalten bleibt, folgt aus (3), dass sich der      
Schwerpunkt vor und nach dem Stoss mit genau gleicher Richtung und          
gleichem Geschwindigkeitsbetrag bewegt. Wir können deshalb den Impuls nach  
dem Stoss rechts mit den Summanden m1·w1, m2·w2 hinzufügen.                 
                                                                            
Da sich also die Schwerpunktsbewegung beim Stoss nicht ändert, brauchen     
wir sie zur Beschreibung des Stosses nicht.                                 
                                                                            
Uns interessiert nur die Relativbewegung der Stosspartner. Was ist das ?    
Der relative Ortsvektor zweier Teilchen ist der Verbindungsvektor ihrer     
Massenpunkte. Man erhält ihn durch Bildung der Vektordifferenz:             
                                                                            
          r = r2 - r1 ;                                                     
                                                                            
Wiederum durch Ableitung nach der Zeit (oder direkt) definieren wir die     
Relativgeschwindigkeit:                                                     
                                                                            
          v = v2 - v1 .                                             (4)     
                                                                            
Aus (3) bekommt man durch Auflösen nach v1:                                 
          v1 = (m1+m2)·V/m1 - m2·v2/m1.   Dies setzen wir in (4) ein und    
erhalten:                                                                   
                                                                            
              m1 + m2              m1 + m2                                  
          v = -------·(v2 - V) = - -------·(v1 - V)    oder                 
                 m1                   m2                                    
                                                                            
                      m2                             m1                     
          v1 = V - ------- ·v            v2 = V + ------- ·v                
                   m1 + m2                        m1 + m2                   
                                                                            
    mit   m1 = m2 = m   ist somit   v1 = V - v/2,    v2 = V + v/2 . (5)     
                                                                            
Damit haben wir die beiden Geschwindigkeiten v1, v2 vom 'Laborkoordinaten-  
system' ins 'Schwerpunktskoordinatensystem' transformiert: Da sich V beim   
Stoss nicht ändert, könnten wir es auch Null setzen. Unser Beobachtungsort  
befände sich dann im Schwerpunkt und wir sähen nur die Relativebewegung der 
beiden Stosspartner. Sie würden sich uns nähern, zusammenstossen und her-   
nach mit veränderten Geschwindigkeitkomponenten wieder wegfliegen. Wir neh- 
men unten einen noch einfacheren Beobachterstandort an.                     
                                                                            
Jetzt wollen wir die kinetische Energie betrachten, die beim elastischen    
Stoss erhalten bleibt (Bildung der Summe der Quadrate von (5) und Multi-    
plikation mit m/2):                                                         
                                                                            
    1          1          1               1                   m1·m2         
    -·m ·v² +  -·m ·v²  = -·(m +m )·V² +  -·µ·v²    mit  µ = -------        
    2  1  1    2  2  2    2   1  2        2                  m1 + m2        
                                                                            
Der erste Term rechts ist die kinetische Energie der Schwerpunktsbewegung,
der zweite jene der Relativbewegung der beiden Stosspartner.
Da V beim Stoss nicht verändert wird, kann wegen der Energieerhaltung der   
Betrag der relativen Geschwindigkeit |v| durch den Stoss ebenfalls nicht    
verändert werden. Die Wirkung des Zusammenstosses besteht also nur darin,   
dass v um einen Winkel ß, den (relativen) Streuwinkel, in den Vektor w ge-  
dreht wird, und |v| = |w|. Die Beträge des einfallenden und ausfallenden    
relativen Geschwindigkeitsvektors sind gleich gross. Dieser einfache Befund 
rechtfertigt alle bisherige Mühsal!                                         
                                                                            
Bis hierher haben wir die Kinematik des Stosses betrachtet. Wie steht es    
mit der Dynamik ? Was bewirkt die Ablenkung des Partners beim Zusammen-     
stoss ? Die Rotation des relativen Geschwindigkeitsvektors wird durch die   
Wechselwirkungskräfte zwischen den beiden Teilchen während dem Stoss ver-   
ursacht. Diese können anziehend oder abstossend sein, je nachdem wie gross  
der Abstand der Teilchen ist. Bei 'harten' Kugeln hat man nur abstossende   
Kräfte, die im Abstand d der Teilchenschwerpunkte abrupt beginnen und bei   
abnehmender Distanz -> inf streben, während sie beim Abstand >d dauernd Null
sind. Ein stossendes Teilchen gelangt ohne Behinderung bis zur 'Berührung'  
mit dem andern im Abstand d der Punktmassen. Dort wird während einer sehr   
kurzen Zeit die kinetische Energie der Relativbewegung in eine Deformation  
der Stosspartner umgewandelt, bis die Teilchen relativ zueinander ruhen.    
Nun beginnen sich (3. Gesetz von Newton!) die zusammengestauchten Stoss-    
partner zu entspannen, wobei die gesamte Deformationsenergie wieder in      
die kinetische Energie der wegführenden Relativgeschwindigkeit umgewandelt  
wird, mindestens, wenn der Stoss elastisch ist. Es ist jedoch nicht nötig,  
alle diese Teilprozesse zu modellieren. Wir sehen nun ein, dass der 'Teil-  
chendurchmesser' immer ein (Kraft-)Wirkungsdurchmesser ist, weshalb auch    
eine Punktmasse einen Radius haben kann. Für reale Moleküle, welche mit     
van der Waals-Kräften wechselwirken, werden wir dies unten genauer beschrei-
ben.                                                                            
Der 'Streuwinkel' ß, um den v in w gedreht wird, ist auf der Figur gezeich- 
net, welche Sie durch Drücken von 'F2' immer hervorholen können. ß ist nur  
vom 'Stossparameter' b abhängig, dem kleinsten Abstand, den die beiden Mas- 
senpunkte beim Stossereignis senkrecht zu v annehmen. Er wird durch die     
Lage der Flugbahnen und die Wechselwirkungskraft der beiden Punktmassen     
beim Stoss bestimmt: b = 0 für den zentralen Stoss der Teilchen mit ß = p; 
b = d für den streifenden Stoss mit ß = 0, und alle Werte 0 < b < d für     
alle übrigen Stossereignisse. Im Fall starr-elastischer, 'harter' Kugeln    
kann der Abstand d zwischen den beiden Massenpunkten nicht unterschritten   
werden, weshalb es eine einfache Beziehung zwischen Stossparameter und      
Streuwinkel gibt: b = d·cos(ß/2), siehe Figur mit 'F2'.                     
Wir setzen uns nun in Gedanken auf eines der beiden Teilchen und erfahren   
den Stoss dann als Annäherung des anderen Teilchens mit der Relativge-      
schwindigkeit v und Wegfliegen desselben mit der um den Streuwinkel ß       
gegenüber seiner Einfallsrichtung gedrehten Relativgeschwindigkeit w,       
die den Betrag der alten hat, also |w| = |v|.                               
[Einschub für tiefer Interessierte: Wenn ein Geschwindigkeitsvektor gedreht 
wird, kommt der Drehimpuls ins Spiel. Dieser ist eine noch wichtigere Erhal-
tungsgrösse als der lineare Impuls. Er muss also vor und nach dem Stoss     
gleich gross sein. Dies führt dazu (Herleitung ist hier nicht beabsichtigt),
dass der Stossparameter für den Stoss in umgekehrter Richtung gleich gross  
ist. Die einzelnen Teilchen haben als Punktmassen keine Struktur, sodass    
sie nicht noch Drehimpuls in der Eigenrotation oder linearen Impuls in      
Schwingungen speichern können. Für mindestens zweiatomige Moleküle trifft   
dies aber zu, wodurch der Zusammenstoss wesentlich kompliziertere Gesetze   
befolgen muss und nicht mehr elastisch sein kann (ausser bei ganz tiefen    
Temperaturen, wo die Rotation oder Schwingung noch nicht 'angeregt' ist)].  
                                                                            
Wir haben bei der Stossbeschreibung nun das folgende Problem zu lösen: Wir  
kennen die vier Geschwindigkeitskomponenten vx1, vy1, vx2, vy2 vor dem      
Stoss, aus denen wir die vier Werte wx1, wy1, wx2, wy2 nach dem Stoss zu    
bestimmen haben. Dazu brauchen wir vier Gleichungen. Drei können wir so-    
gleich hinschreiben:                                                        
                                                                            
(I)       m wx + m wx    =  m vx  + m vx      Erhaltung des x-Impulses      
           1  1   2  2       1  1    2  2                                   
                                                                            
(II)      m wy  + m wy   =  m vy  + m vy      Erhaltung des y-Impulses      
           1  1    2  2      1  1    2  2                                   
                                                                            
(III)     m wx² + m wx² + m wy² + m wy²  =  m vx² + m vx² + m vy² + m vy²   
           1  1    2  2    1  1    2  2      1  1    2  2    1  1    2  2   
                                           Erhaltung der kinetischen Energie
Die vierte Gleichung hängt von den Einzelheiten des Zusammenstosses ab,     
d.h. vom Stossparameter b und dem daraus folgenden Streuwinkel ß.           
                                                                            
Um herauszufinden, wie wir dieses Problem bei der Modellierung meistern     
können, machen wir die willkürliche Annahme, der relative Streuwinkel sei   
immer gleich gross und setzen ihn gleich 90° = p/2, ein 90°-artiger Stoss. 
Dies legt einen Stossparameter von b = d·cos45 = d/Sqrt(2) fest (siehe      
die Figur mit 'F2'), d.h. die eine Kugel trifft die andere immer am gleichen
relativen Ort. Die Stossebene, welche durch die Vektoren v und w aufgespannt
wird (es ist auch im dreidimensionalen Raum eine Ebene), schneidet einen    
Grosskreis aus der stillstehend gedachten Streukugel. Diese hat den Radius  
d und ihre Oberfläche ist die Menge möglicher Stosspunkte.                  
Unsere Annahme führt nun zu der folgenden Relation: Wenn wir dem Grosskreis 
ein Zifferblatt verpassen, so sei der Stosspunkt bei 10:30 Uhr. Der Stoss-  
partner fliegt parallel zur Richtung 9:00 Uhr der Streukugel auf diesen     
Punkt zu. Der Wegflug ist hernach parallel zur Richtung 12:00 Uhr, wenn ß   
= 90°. Natürlich gibt es beliebig viele Positionen auf dem Uhrzifferblatt,  
welche analoge Punkte anbieten. Sie sind alle zugelassen und werden wegen   
dem variablen V auch erreicht.                                              
                                                                            
Die Annahme ß = 90° scheint sehr künstlich zu sein, weil in der Natur b     
doch alle Werte von 0 <= b < inf annehmen kann, wobei wir b = 0 (ß=p) den  
zentralen und b = d den streifenden Stoss (ß = 0) schon erwähnt haben.      
b > d bedeutet bei harten Kugeln einen vermiedenen Zusammenstoss, wobei die 
oben gegebene Beziehung zwischen d und ß natürlich nicht mehr anwendbar ist,
da bei b > d gar keine Wechselwirkung der beiden Teilchen stattfindet. Der  
Stossbereich beträgt also 0 <= ß < p. 90° ist in der Mitte dieses Bereichs.
                                                                            
Die Simulation zeigt nun, dass jeder fixe Streuwinkel 0 < ß < p zu den     
gleichen Geschwindigkeitsverteilungsgesetzen und Gasgesetzen in Übereinstim-
mung mit dem Experiment führt. Somit kann auch ein zwischen diesen Werten   
zufällig schwankender Streuwinkel kein anderes Resultat liefern. Alle       
Streuwinkel gewichten vx- und vy-Komponenten gleich, sodass die Isotropie   
des Gasdrucks (Gesetz von Pascal) schliesslich immer erfüllt wird. Es dau-  
ert nur länger, bis das Gleichgewicht erreicht wird, wenn ß in der Nähe der 
oberen oder unteren Grenze gewählt wird. Die Gleichgewichtseigenschaften    
sind jedoch unabhängig von der Wahl des Streuwinkels. Wieso also nicht      
ß = 90° wählen? Der '90°-Stoss' ergibt den einfachsten und schnellsten      
Stossalgorithmus, und 90° liegt in der Mitte des erlaubten Bereichs. Um     
die hier dargestellte Stossphysik überprüfen zu können, haben wir noch eine 
andere Variante vorgesehen: Mit dem Schalter '>' können Sie zwischen dem    
'90°-Stoss' und einem bei jedem Stossereignis zufällig zwischen 0 < ß < p  
gewählten Streuwinkel hin- und herschalten. Versuchen Sie die Unterschiede  
zu entdecken!

Stossalgorithmen im Programm

Wir leiten beide Stossalgorithmen her, welche im Programmcode verwendet     
werden. Der zugehörige Pascal-Quellcode kann mit Erkl.3) angesehen werden.  
Der 90° Stossalgorithmus setzt die Komponenten der Geschwindigkeiten        
nach dem Stoss auf die folgende Weise mit jenen vor dem Stoss in Be-        
ziehung:                                                                    
                                                                            
         nach          vor    dem Stoss                                     
          wx1 = (  vx1 - vy1 + vx2 + vy2)/2 = halfsum - vy1                 
          wy1 = (  vx1 + vy1 - vx2 + vy2)/2 = halfsum - vx2                 
          wx2 = (  vx1 + vy1 + vx2 - vy2)/2 = halfsum - vy2                 
          wy2 = (- vx1 + vy1 + vx2 + vy2)/2 = halfsum - vx1,                
mit  halfsum := (  vx1 + vy1 + vx2 + vy2)/2.                               
Dies ist Prozedur hit90(xc,yc) im Quellcode zu GASSIM.                      
                                                                            
Wir brauchen nur 7 Additionen/Subtraktionen und eine Multiplikation         
mit 0.5 für diese Umrechnung. Die Herleitung ist sehr einfach:              
Der 90°-Stoss verwandelt den Vektor der Relativgeschwindigkeit              
                                                                            
          vor dem Stoss        nach dem Stoss                               
          v = (vx, vy)    in   w = (-vy,vx)    um;                          
                                                                            
für einen allgemeinen Winkel ß gilt:  wx = vx·cosß - vy·sinß        (6)     
                                      wy = vx·sinß + vy·cosß,               
was für 90° die eben gegebenen Komponenten erzeugt. Die Längen von v und w  
sind gleichgross, wie es die Erhaltungsgesetze fordern, unabhängig von der  
Grösse von ß.                                                               
                                                                            
Wir setzen dies in (5) ein:                                                 
                                                                            
          v1 = V - v/2              w1 = V - w/2                    (7)     
          v2 = V + v/2              w2 = V + w/2                            
                                                                            
und komponentenweise mit                                                    
                                                                            
          Vx = (vx1 + vx2)/2        Vy = (vy1 + vy2)/2                      
          vx =  vx2 - vx1           vy =  vy2 - vy1                         
          wx = -vy2 + vy1 = -vy     wy =  vx2 - vx1 = vx    wird nun        
                                                                            
    wx1 = Vx + vy/2 = (vx1 + vx2 + vy2 - vy1)/2 = halfsum - vy1             
    wy1 = Vy - vx/2 = (vy1 + vy2 - vx2 + vx1)/2 = halfsum - vx2             
    wx2 = Vx - vy/2 = (vx1 + vx2 - vy2 + vy1)/2 = halfsum - vy2             
    wy2 = Vy + vx/2 = (vy1 + vy2 + vx2 - vx1)/2 = halfsum - vx1,            
                                                                            
womit der Algorithmus begründet ist. Er erfüllt die 'Stossinvarianten'      
(Erhaltung der Masse, der kinetischen Energie und des Impulses) und         
die Annahme b = 0.7071·d mit ß = 90°. Im Computerprogramm wird weder b      
noch d explizit gebraucht. ß = 90° impliziert diese Grössen in Übereinstim- 
mung mit der Stosstheorie harter Kugeln. Für eine Animation des 90°-Stos-   
ses, die alle bisher entwickelten Konzepte zeigt, sollten Sie COLLIS90 auf  
Ihrer Diskette aufrufen. Hier ist eine Figur daraus:


Für einen zufällig gewählten Streuwinkel 0 < ß < p sieht der entprechende  
Algorithmus nach (6) und (7) wie folgt aus: Wir bestimmen zuerst            
ß = random·p, wobei 'random' eine von Pascal zur Verfügung gestellte Funk- 
tion ist. Bei jedem Aufruf produziert sie eine (andere) Zufallszahl zwischen
0 und 1. Nun wird analog zur Herleitung des 90°-Stosses:                    
                                                                            
          Vx' = vx1 + vx2            {= 2 Vx; multipliziere unten mit 0.5}  
          Vy' = vy1 + vy2            {= 2 Vy; ..... }                       
          wx  = (vx2 - vx1)·cosß - (vy2 - vy1)·sinß {Rotation des Vektors}  
          wy  = (vx2 - vx1)·sinß + (vy2 - vy1)·cosß {der Relativgeschwin-}  
          wx1 = 0.5·(Vx - wx)                       {digkeit             }  
          wx2 = wx1 + wx                                                    
          wy1 = 0.5·(Vy - wy)                                               
          wy2 = wy1 + wy         berechnet.                                 
Dieser Algorithmus wird als TurboPascal Quellcode ebenfalls in Erkl.3) ge-  
zeigt: Prozedur hitrand(i,j).                                               
                                                                            
Mit ß = p/2 gehen diese Gleichungen in die oben gegebenen über. Wir brau-  
chen jetzt 12 Additionen/Subtraktionen, 6 Multiplikationen und zwei Win-    
kelfunktionswerte pro Stossereignis. Dies verlangsamt die Stossberechnung   
gegenüber dem 90°-Stoss ohne Coprozessor stark, wie man durch Hin- und      
Herschalten zwischen diesen beiden Arten mit dem '>'-Kommando erkennt.      

Van der Waals Wechselwirkung

Eine vollständige Simulation benötigt keine Vorgabe des Streuwinkels. Man   
kann den Streuwinkel mit dem Stossgeschehen explizit modellieren, also die  
Bahnen der Teilchen und die dadurch und mit der Wechselwirkungskraft be-    
stimmten b-Werte einzeln verfolgen. Dies wäre die vollständige Stossphysik. 
Mit einem Mikrocomputer kann man dies jedoch nur noch mit wenigen Teilchen  
vorführen. Es ist ein Cray oder ebenso leistungsfähiger Supercomputer er-   
forderlich, um 256 Moleküle zu bewegen. Im mitgelieferten Programm COLLISIO 
simulieren wir Stösse zwischen zwei bis zehn Argonatomen in ihrem realen    
intermolekularen Kraftfeld. Der gezeichnete Kugelradius ist der sogenannte  
van der Waals (vdW) Radius.                                                 
Wirkliche Moleküle sind natürlich keine harten Kugeln und haben auch keinen 
Radius. Das Wechselspiel zwischen anziehender Kraft bei grösserem Abstand   
und abstossender Kraft beim 'Ineinanderdringen' erzeugt die Illusion eines  
Radius. Der vdW-Radius R ist der Ort im Wechselwirkungspotential V(r), wo   
V(R)=0 ist. V(r<R) ist > 0, also repulsiv, V(r>R) < 0, also attraktiv mit   
V(r -> inf) -> 0.                                                           
COLLISIO zeigt bei den Stossereignissen viele verschiedene Werte von b und ß
mit einer vollständigen Stossdynamik durch Lösen der Hamilton'schen Bewe-   
gungsgleichungen (40 Differentialgleichungen, die bei jedem Zeitschritt bei 
10 Atomen gelöst werden müssen, siehe COLLISIO.PAS Quellcode).               
Der vdW-Radius der gezeichneten Kreise spielt bei der Berechnung nur eine   
Rolle beim Stoss mit den Wänden, nicht jedoch bei den Teilchenstössen.      
Er ist bei diesen nur ein hilfreiches Konzept für die Anschauung. Man       
sieht nämlich, dass der vdW-Radius auch bei zentralen Stössen nur wenig un- 
terschritten wird.                                                          
                                                                            
Als Zusammenfassung sehen Sie die Graphik des 90°-Stosses nochmals. Benützen
Sie COLLIS90 für eine lebendige Demonstration aller Zusammenhänge beim      
Stoss.